Passiv kostet dich KI-Sichtbarkeit? Dafür fehlt der Beleg

SEO

Die neue Studie von WORTLIGA im Auftrag von SISTRIX zählt ziemlich genau, wie viel Passiv, Nominalstil und Business-Sprech aktuelle KI-Modelle produzieren. Das Ergebnis überrascht kaum: Wer ein Sprachmodell ohne klare Leitplanken losschreiben lässt, bekommt schnell aufgeblähten B2B-Textbrei. So weit, so nützlich. Doch dann macht die Auswertung einen gedanklichen Sprung. Und der ist größer als jedes Sprachmodell.

 

Die Studie misst Lesbarkeit – nicht KI-Sichtbarkeit

Im Fazit schlägt SISTRIX die Brücke von verständlichen Texten zur Sichtbarkeit in ChatGPT, Perplexity und Google AI.

Fehlt die eigene Website dort als Quelle, könne das an Inhalten liegen, die Maschinen nur schwer verarbeiten. Solche Seiten würden möglicherweise seltener zitiert.

Das klingt plausibel.

Untersucht hat die Studie diesen Zusammenhang allerdings nicht.

Analysiert wurden 2.112 KI-generierte B2B-Texte. Gemessen wurden unter anderem Satzlänge, Passiv, Nominalstil, Füllwörter, Floskeln und der Flesch-Index.

Nicht untersucht wurde:

  • welche Webseiten ein KI-Suchsystem findet,

  • welche Passagen es für relevant hält,

  • welche Quellen es zitiert,

  • ob es aktive Sätze häufiger auswählt als passive,

  • ob ein niedriger Lesbarkeitswert die KI-Sichtbarkeit senkt.

Die Studie zeigt, wie Sprachmodelle unter verschiedenen Prompt-Bedingungen schreiben. Sie zeigt nicht, nach welchen Kriterien KI-Suchsysteme Webseiten auswählen.

Das eine aus dem anderen abzuleiten, ist keine Erkenntnis.

Es ist eine Hypothese.

Dafür bräuchte es eine andere Studie.

 

Suchen ist nicht Schreiben

Bei einer suchgestützten KI-Antwort passieren vereinfacht zwei Dinge: Zuerst sucht das System passende Quellen oder Textpassagen. Danach verarbeitet ein Sprachmodell das gefundene Material und formuliert daraus eine Antwort.

Fachleute nennen das Retrieval-Augmented Generation, kurz RAG.

Welche Suchverfahren dabei zum Einsatz kommen, unterscheidet sich je nach Anbieter. Von außen kennen wir die Systeme nur teilweise. Möglich sind klassische Stichwortsuche, semantische Verfahren, Rankings und weitere Auswahlstufen.

Entscheidend ist etwas anderes: Die WORTLIGA-/SISTRIX-Studie testet diese Suchkette nicht.

Sie untersucht weder, ob ein System Passivsätze schlechter findet, noch ob es Seiten mit einem niedrigen Flesch-Wert seltener zitiert. Sie bewertet ausschließlich Texte, die Sprachmodelle selbst erzeugt haben.

Aus einer Untersuchung des Schreibens wird damit plötzlich eine Aussage über das Suchen.

Das ist methodisch ungefähr so überzeugend, als würde man aus der Speisekarte auf die Küchentechnik schließen.

 

Schachtelsätze nerven Menschen. Aber auch Maschinen?

Ein Satz mit 25 Wörtern macht einen Inhalt für ein Sprachmodell nicht automatisch unverständlich. Auch Passiv oder anspruchsvolle Fachsprache führen nicht zwangsläufig dazu, dass der semantische Zusammenhang verloren geht.

Trotzdem ist Sprache für Maschinen nicht völlig bedeutungslos.

Formulierungen, Kontext und Satzbau können Ergebnisse beeinflussen. Sprachlicher Ballast kann außerdem eine wichtige Information zwischen Wiederholungen, Nebensätzen und Werbephrasen verstecken. Je mehr Nebel ein Text produziert, desto schwerer tritt sein eigentlicher Informationswert hervor.

Das betrifft die Informationsdichte.

Es beweist aber nicht, dass Passiv oder ein bestimmter Flesch-Wert die Sichtbarkeit in ChatGPT senken.

Zwischen „klare Sprache kann helfen“ und „Passiv kostet dich KI-Sichtbarkeit“ liegt ein erheblicher Unterschied.

Vor allem liegt da eine fehlende Untersuchung.

 

Was wir tatsächlich wissen

Google erklärt ausdrücklich, dass Website-Betreiber ihre Inhalte nicht in einer speziellen KI-Sprache verfassen müssen. Texte müssen auch nicht künstlich in winzige Abschnitte zerlegt werden, damit Google AI sie versteht. Eine ideale Seitenlänge gebe es ebenfalls nicht.

Der Rat fällt erstaunlich bodenständig aus: für Menschen schreiben, Inhalte sinnvoll ordnen und die technischen SEO-Grundlagen beachten.

Auch aktuelle Experimente zur Quellenwahl in KI-Antwortsystemen geben wenig Anlass, den Schreibstil zum großen GEO-Hebel aufzublasen. In einer kontrollierten Untersuchung mit sechs Sprachmodellen wirkten sich vor allem die thematische Relevanz und die Position einer Quelle aus. Reine Formatänderungen brachten dagegen wenig.

Das ist kein allgemeingültiges Gesetz für jedes KI-Suchsystem.

Aber es untersucht wenigstens die Auswahl von Quellen.

 

Crawler sind keine Stilkritiker

Bevor eine Seite in einer KI-Suche auftauchen kann, muss das System sie erreichen.

Für ChatGPT Search ist vor allem der OAI-SearchBot relevant. GPTBot erfüllt einen anderen Zweck und betrifft primär die mögliche Nutzung von Inhalten für das Training generativer Modelle.

Perplexity betreibt mit dem PerplexityBot einen eigenen Such-Crawler. Google nutzt für seine generativen Suchfunktionen den Google-Suchindex.

Wer die relevanten Crawler blockiert, schafft ein echtes technisches Hindernis.

Das lässt sich prüfen.

Ob der zwölfte Passivsatz die Chance auf ein Zitat drückt, lässt sich bislang nicht seriös behaupten.

Das eine ist eine dokumentierte Voraussetzung. Das andere eine SEO-Geschichte, die noch auf ihre Daten wartet.

 

Was die Studie wirklich zeigt

Die WORTLIGA-/SISTRIX-Studie liefert sinnvolle Hinweise für alle, die mit KI Texte erstellen:

  • Prompts beeinflussen den Stil der erzeugten Texte.

  • Konkrete Vorgaben reduzieren unerwünschte Sprachmuster.

  • Ein Passiv-Verbot verhindert erkanntes Passiv.

  • KI-generierte B2B-Texte brauchen redaktionelle Kontrolle.

Das ist praktisch relevant.

Die Studie liefert aber keine Daten darüber, ob Passiv, Nominalstil oder lange Sätze die Sichtbarkeit bestehender Webseiten in KI-Antworten verschlechtern.

Trotzdem dient genau dieser Zusammenhang als Brücke zum SISTRIX Prompt Tracking.

Der kommerzielle Kontext macht die These nicht automatisch falsch. Er ersetzt aber auch keinen Beleg.

 

Schreib klar – aber erfinde keinen Rankingfaktor

Verständliche Sprache bleibt gutes Handwerk.

Schachtelsätze kosten Aufmerksamkeit. Muss der Leser eine Aussage erst entwirren, kommt der Text zu spät auf den Punkt. Klare Verben, konkrete Aussagen und eine nachvollziehbare Struktur räumen solche Hindernisse aus dem Weg.

Auch sprachlicher Ballast hilft nicht. Er verwässert Informationen und nimmt einem Text seinen Biss.

Aber aus gutem redaktionellem Handwerk wird nicht automatisch ein GEO-Rankingfaktor.

Wer behauptet, Passiv schade der KI-Sichtbarkeit, muss genau diesen Zusammenhang untersuchen.

Die vorliegende Studie tut das nicht.

Und ChatGPT bekommt noch immer keine Kopfschmerzen, nur weil ein Satz im Passiv steht.


Quellen

  • WORTLIGA: Wie wirksam kommuniziert KI in Marketing und Vertrieb?

  • SISTRIX: Zweitausend B2B-Texte im Lesbarkeits-Check

  • Google Search Central: Websites für generative Suchfunktionen optimieren

  • OpenAI: Übersicht der OpenAI-Crawler

  • Perplexity: Übersicht der Perplexity-Crawler

  • What Gets Cited: Competitive GEO in AI Answer Engines

Tamara Niebler

Ich bin Tamara Niebler, Philosophin (M. A.), Redakteurin und SEO-Texterin. Seit über 10 Jahren schreibe ich für Medien und Unternehmen und verbinde kommunikative Expertise mit SEO und analytischem Denken. Hier teile ich meine Erfahrungen aus Text, Redaktion und Content-Marketing.

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